blog Titelgedanken

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Samstag, 23. Februar 2013

der 359. Geburtstag meiner erzgebirgischen Heimatstadt



Am 23. Februar 1654, also heute vor 359 Jahren, erteilte der sächsische König Johann Georg I. in Annaburg den aus Böhmen gekommenen Exulanten 
das Stadtrecht. Zugleich bestimmte Johann Georg, dass die neue Stadt seinen Namen tragen soll, Johanngeorgenstadt.



Denkmal des Kurfürsten Johann Georg I. vor dem (zu WISMUT Zeiten) abgerissenen Rathaus in Johanngeorgenstadt

Das ist die Geburtsstunde meiner Geburtsstadt und meiner Heimatstadt  Johanngeorgenstadt gewesen.


Johanngeorgenstadt erscheint mir heute bei meinen jährlich wiederkehrenden Besuchen als eine zerpflückte, verfallende und traurige Stadt.


Auf über 29,6 Quadratkilometer verteilen sich die verbliebenen 4.823 Einwohner. Als ich 1976 nach dem Abitur mit 18 Jahren zum Studium ging, zählte man noch über 10.800 Einwohner in der Bergstadt.
Johanngeorgenstadt gehörte in der DDR mit seiner Höhenlage von 650 (am Bahnhof im Tal) bis 980 Metern über NN (an der Grenzlandbaude in der Neustadt) zu den schneesicheren Gebieten in der damaligen Republik. Legendär sind die Sonderzüge aus Leipzig gewesen, die sonntags in der Bergstadt ankommend, hunderte Wintersportinteressierte in die Stadt, in die Wälder und auf die Loipen spülten. Diese Eisbahn-Wintersport-Tradition begann bereits im Winter 1910. Genau am 27.11.1910 traf in Johanngeorgenstadt der erste Wintersport-Sonderzug aus Leipzig kommend und über Zwickau fahrend ein. Viele nationale und internationale Winterwettkämpfe sah die florierende Stadt mit ihren vielen Wirkungsstätten des Wintersports in den Jahren. Berühmte und weltberühmte Wintersportler und Trainer kamen und kommen aus Johanngeorgenstadt. Nur ein einziger, ehemaliger Spezialspringer und heutiger Autorennfahrer verleugnet seine Johanngeorgenstädter Herkunft und seine Johann.-städter Wintersport Wurzel. Das haben ihm die Johanngeorgenstädter und seine früheren Trainer bis heute nicht verziehen. So ist es für mich nicht verwunderlich, dass ihm die Anerkennung der Ehrenbürgerschaft der Stadt verwehrt blieb. Als vorerst letzte Ehrenbürger der Stadt trugen die Stadtväter 2006 die Randfichten und 2004 meinen früherer Religionslehrer Heiner Georgi zusammen mit dem verdienten Heimatforscher Christian Teller in das Goldene Buch von Johanngeorgenstadt ein.
Zwischen 2004 und 1933 klafft lt. Wikipedia eine riesengroße Lücke. Ein von der Stadt 1933 einzutragender "Ehrenbürger" trug den Namen Martin Mutschmann. Gauleiter Mutschmann war der einstige NS-Reichsstatthalter in Sachsen, er war Reichsverteidigungskommissar, er war Nationalsozialist und der aus der unmittelbaren Nähe von Hitler und Goebbels stammende Faschist wurde 1946 für seine Untaten in der Zeit der Hitlerdiktatur durch Erschießen hingerichtete. Weshalb dieser einstige Eintrag im Goldenen Buch der Stadt weiter in Wikipedia dargestellt wird, bleibt mir unklar.
Deutschlandweit berichteten die Medien über die direkten Verbindungen einzelner junger Leute zur sogenannten Zwickauer Terrorzelle NSU, 
die wie berühmte Wintersportler aus der Stadt kamen und doch schon lange nicht mehr in Johanngeorgenstadt lebten. Ich finde es von den Medien halbherzig, an dieser Stelle mit der sensationslüsternen Berichterstattung stehengeblieben zu sein.
Vielleicht gelingt es den Stadtvätern bis 2014 zum 360. Jahrestag der Stadtgründung, bei Wikipedia eine Veränderung herbei zu führen.



Rathaus und Stadtverwaltung von Johanngeorgenstadt, da liegt das Goldene Buch und die Urkunde vom Mutschmann
 

Doch zurück zur Stadt der "Randfichten", die als eine ihrer touristischen Attraktionen das Schwibbogenfest im Dezember benennen darf. Für eine große Gruppe von damals jungen Männern bleibt mit den Namen Johanngeorgenstadt deren Erinnerung an die Grundausbildung bei den Grenztruppen der DDR verbunden. Johanngeorgenstadt ist ein Zentrum der Möbelindustrie gewesen, man baute Spritzgußautomaten und verschickte sie in alle Welt. In der MODESTA entstanden Kinderkleidungsstücke, die bei C&A wie bei Neckermann im Katalog zu finden waren. Schumacher und Handschuhmacher des Ortes statteten die Olympiamannschaften aus. Außer dem EISENWERK WITTIGSTHAL hat kein einziger größerer Johanngeorgenstädter Betrieb aus DDR Zeiten die Deutsche Einheit überlebt. Bald ist auch der letzte Zeuge (siehe das folgende Foto) des industriellen Verfalls geschliffen.





die Reste der Möbelfabrik BOX in Johanngeorgenstadt, Foto vom September 2012


Wenn man, wie ich es in der Gegenwart selbst mache, alte Ansichtskarten von 1900 studiert und alte Gemälde mit Stadtansichten von Johanngeorgenstadt betrachtet, dann bekommt man folgendes Bild zuerst zu sehen:


Leider bin ich nicht in der Lage, euch ein Foto mit ähnlicher Perspektive zu zeigen. Rings um die Stadt stehen Laub- und besonders viele Nadelbäume. Sie verdecken die Sicht auf das ehemalige Zentrum des Ortes total. 


Einzelne Häuser vom oben gezeigten Gemälde und die Kirche sind heute noch vorzufinden und dazwischen klaffen mittlerweile riesengroße Lücken. EXTREMSCHRUMPFUNG nennt man diesen Vorgang lakonisch, der ganz Stadtteile verschwinden lässt. Noch ein unschöner und dennoch überall spürbarer Umstand ist, dass Johanngeorgenstadt über kein Stadtzentrum mehr verfügt.

Hier stand früher ein altes WISMUT Gebäude, im dem in meiner Kindheit Möbel verkauft wurden. Die Wohnhäuser dahinter sind auch schon abgerissen, so dass von der ehemaligen Mittelstadt nur noch einzelne Häuser übrig geblieben sind.






Wer weitere Fotos von Johanngeorgenstadt sehen möchte, klicke einfach auf eine der folgenden Beschreibungen:

01. Johanngeorgenstadt: Stadtansichten
02. Johanngeorgenstadt: Steigerdorf und Schwarzenberger Straße
03. Johanngeorgenstadt: Bahnhof
04. Johanngeorgenstadt: Bahnhofsteig
05. Johanngeorgenstadt: weiter auf der Schwarzenberger Straße
06. Johanngeorgenstadt: Sockendorf und Exulantenstraße
07. Johanngeorgenstadt: Karlsbader Straße
08. Johanngeorgenstadt: Untere Gasse
09. Johanngeorgenstadt: Heimberg (auch die Siedlung genannt)
10. Johanngeorgenstadt: Pestalozzi Oberschule
11. Johanngeorgenstadt: BOX oder der VEB Möbelfabrik Johanngeorgenstadt
12. Johanngeorgenstadt: Anton Unger Straße
13. Johanngeorgenstadt: Georgi- und Hohegenisterstraße
14. Johanngeorgenstadt: Mittelstadt (Übersicht)
15. Johanngeorgenstadt: Sprungschanzen




 

Kommentare:

Robert Geiss hat gesagt…

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Von hier gesehen sieht das alles ganz toll aus und lädt zum Verweilen ein. Muss eine Freude sein, die Ruhe in der Stadt.
Vielleicht könnte man doch was daraus machen, ein Kurort oder ähnliches. Die Luft muss ganz herrlich sein.

Nachtfalke hat gesagt…

Auf den ersten Blick scheint Johanngeorgenstadt ein idyllischer Ort zu sein. Unverständlich ist mir allerdings auch, warum ein Mensch wie Mutschmann noch im goldenen Buch der Stadt geführt wird. Vielleicht muss den Stadtvätern der Begriff "Ehrenbürger" mal genau erklärt werden.
Dein Bericht ist sehr interessant. Die Stadt wird im nächsten Jahr bestimmt eine schöne Feier zum 360 jährigen Stadtgeburtstag veranstalten.

Ich wünsche Dir noch einen schönen Sonntag.
Viele Grüße
Nachtfalke

Uschi M. hat gesagt…

Egbert, vielen Dank für die Reise in Deine Geburtsstadt, Erinnerungen und tatsächliche Begebenheiten können sich einander wohltuen oder aber auch schmerzen. So z. B. die Ruinen und Deine persönlichen Eindrücke bei Deinen jährlichen Besuchen!
Träume Dich in die Vergangenheit zurück, in die Zeit, als die Menschen dort den Wintersport "suchten" und rufe Dir die schönen Seiten und Zeiten vor Dein geistiges Auge, den anderen, tatsächlichen und nicht immer so schönen gegenwärtigen Tatsachen können wir nicht aus dem Wege gehen...



Dir und Deinen Lieben einen schönen Tag

liebe Grüsse
Uschi

Irmi hat gesagt…

Nachtfalke hat es gut formuliert.
Aber ist es nicht immer so? Wenn ich in meine Heimatstadt Lüdenscheid komme, erkenne ih sie auch nicht wieder. Schöne alte Jugendstilbauten müssen weichen für kalte Glasfassaden.
Liebe Sonntagsgrüße sendet Dir
Irmi

Birgit hat gesagt…

Lieber Egbert,
hab vielen Dank für die schönen Fotos von Johann'stadt. Ist es wirklich schon wieder 9 Jahre her, dass wir dort zur 350-Jahrfeier waren? Da wurde ja richtig was auf die Beine gestellt. Hat mir sehr gefallen damals...
Was Martin Mutschmann betrifft - das ist mir neu und da kann ich Dir nur zustimmen. Solch ein Nazi hat wirklich nichts im goldenen Buch einer Stadt verloren. Worauf ist Johanngeorgenstadt denn da stolz??? Komisch, dass das auch früher niemandem aufgefallen ist!
Ich wünsche Euch noch einen schönen Sonntag.
Liebe Grüße
Birgit